„Kokosmilch und Sternenhimmel… hm… ARSCH-loch!“

Stell dir vor, du bist allein auf einer einsamen Insel und weißt sicher, dass du nie wieder von dort wegkommst. Stell dir vor, du könntest dir ein Lied wünschen. Welches wäre das, und wann würdest du es hören wollen? – „Nein, nicht immer und immer wieder, nur ein einziges verdammtes Mal!“

 Bounty von mir rudimentär, aber treffend rekonstruiertes Bühnenbild aus Britpop. Feincord, dunkelblau von Heinz Kirchner, Stadttheater Aschaffenburg 24.-27. Januar 2013, Bountybildquelle: what-to-do-when-high.com

Die sich vordergründig auf der Bühne abspielende Handlung ist schnell erzählt: Alwin, Volksschulabschluss, Schlosserlehre (Thomas Amberg), und Robert, Gymnasiumer und Traumarsch des Jahrhunderts (was hier  nicht als Kompliment gemeint ist) (Albrecht Sylla), sitzen am Bahndamm und wollen weg. Nach Paris oder so. Eigentliches „Ziel“ ist die Südstaatlermütze (Feincord, dunkelblau) auf dem Kopf von Adamo (Haarmatte, Schnulzenfuzzi), und Adamo wiederum  hält sich nun eben gerade in Paris auf. Ramona (Anna Schüßler), Bedienung in Herthas Bar, blutjung und grundnaiv, findet Wobert „schon ok“, fährt aber voll auf Alwin ab – der mit dieser Aufmerksamkeit irgendwie nicht klarkommt und sich von Ramonas Zuneigung ziemlich überfahren fühlt. Wamona hat einen charmanten R-Fehler, der die beiden Freunde zu ästhetischen Höhenflügen bei der Beschreibung der kirschrot glänzenden Unterlippe, gegen die Ramonas Schneidezähne stoßen und die sich dabei leicht nach rechts verschiebt, inspiriert. Alwin und Ramona könnten das Traumpaar des Jahres werden, wenn es nicht zu einem folgenschweren Zwischenfall käme. Albrecht Sylla spielt sowohl den jungen als auch den erwachsenen, zurückblickenden Robert. Sobald er seine Mütze abnimmt, altert er schlagartig um Jahrzehnte. Manchmal nimmt auch der junge Robert seine Mütze ab, und in diesen Momenten scheint es, als könne er mit den Augen seines älteren Ichs sehen: Man spricht nicht leichtfertig vom Tod; man fährt nicht einfach so per Anhalter nach Aschaffenburg, mahnt er Alwin. Doch dann setzt Robert seine Mütze, die auf ihn die Wirkung eines berühmten gallischen Zaubertranks auszuüben scheint, wieder auf, und schon ist er wieder mit dabei: „Paris sehen und sterben!“ Kurz darauf kracht es.

DAKOTA  abfotografiertes Titelbild Brot & Spiele/Januar 2013 (Ausschnitt)

Die Geschichte endet am Grab Alwins mit einem Strauß Plastikblumen und einem Bambino von Nordmende. Aber eine Geschichte, die nur aus einem Anfang besteht, ist nicht zwangsläufig schon vorbei, bevor sie überhaupt begonnen hat. Eine Geschichte, die nur einen Anfang hat, geht irgendwie auch nie zu Ende. Und diese Tatsache klingt eher nach Zukunft als nach Vergangenheit. Eigentlich geht es in Heinz Kirchners Stück auch weniger um eine konkrete  Geschichte als um ein diffuses Gefühl: die „wilde Schwermut“.  Britpop. Feincord, dunkelblau ist eine gelungene Ansammlung von Stimmungen und Gedankenskizzen, die sich in einer Mischung aus kurzen Episoden, Gesprächen und Wortgefechten zwischen den Protagonisten und dazwischen gestreuten live vorgetragenen Songs der Kinks und Kooks und wie sie alle heißen (Marie Schwind & Christoph Sauer, die sehr gut zusammen klingen) vermitteln. Als Zuschauer (=als ich…) schaltet man immer wieder unbewusst in den Fußwipp-Mitsumm-Modus und driftet ausgehend von oberflächlich unerheblichen, tatsächlich aber umso tiefgründigeren Sinn bergenden Sätzen in Sphären innig empfundener Selbstbespiegelung ab. Auch das ein Verdienst des Stückes, das tatsächlich eine Art von (Nach-)Erleben ermöglicht. Dabei erzählt die Inszenierung weniger, als dass sie andeutet und anstößt, was dazu führt, dass sich die sich aus Erinnerungsfetzen speisende Handlung vor allem im Kopf der Zuschauer abspielt und dadurch natürlich, je nach Altersstufe und persönlichem Hintergrund, für jeden eine vollkommen andere ist.

Dass das Ganze eben gerade nicht in Sentimentalität und Betroffenheit abdriftet, verdankt sich neben den unangestrengten Darstellern nicht zuletzt den zahlreichen grandios kuriosen Einfällen im Stück. Z. B. dem „Farbfernseher speziell für Naturfilme“ in Herthas Bar, dessen Bildschirm einfach mit einer Farbfolie – unten brauner Schilfgürtel, darüber grünes Gras, oben blauer Himmel – beklebt ist, was auch die TV-Übertragung der Tour de France zu einem völlig neuen Seherlebnis werden lässt. Oder Niwlas Bruder Gnagflow, der die Wörter gerne rückwärts aufsagt und am liebsten waschechter Renailisarb wäre. Und, am allerbesten, und das meine ich wirklich nicht ironisch: Das Bühnenbild, das von einer Projektion wechselnder Bilder bestimmt wird, die eindrucksvoll demonstrieren, welch schlimme Dinge sich mittels Photoshop und Word-Art anstellen lassen. Ungeschlagen: das geschmackvoll türkis hinterlegte Arrangement aus Bountyriegeln, das die oben beschriebene imaginierte Südseeklischee-Insel-Szene illustriert. Man weiß sofort, welche Art von Sehnsucht hier gemeint ist. Power-Point at its Best, kombiniert mit Bierkrügen auf Resopaltisch .

If I feel tomorrow like I feel today / We’ll take what we want and give the rest away… And if I live too long, I’m afraid I’ll die…(The Kinks: Strangers, written by Dave Davies)

Du kannst das Lied nur einmal hören, ein einziges verdammtes Mal. Oder auch kein einziges verdammtes Mal.

 

27. January 2013 by ellen
Categories: Blog | Leave a comment

Leave a Reply

Required fields are marked *