Wo ist Wuffi…

Henning Bohl und Ulrich Pester, Kunsthalle Nürnberg 7.2.-31.3.2013

Was soll ich über eine Ausstellung schreiben, in der mir schon im ersten Raum ein auf dem Raumplan versprochenes Leitsystem vorenthalten wird und in der mir die beflissene Aufsichtsperson freundlich lächelnd mitteilt, Fotos machen sei erlaubt, nur um gleich darauf vorsorglich meinen Kugelschreiber zu konfiszieren? Vielleicht ist es in einem solchen Fall besser, erst einmal nicht zu schreiben, sondern zu lesen. Gedacht, getan, der Flyer liegt schließlich allzeit bereit im Foyer der Kunsthalle und ist schnell zur Hand.

Ulrich Pester übt sich beständig im „Weiterschlendern“ – womit er jedoch nicht bezweckt, eine Strategie zu entwickeln, die ihm eine sichere Nische auf dem Kunstmarkt garantiert, nein, keineswegs, denn natürlich geht es ihm darum, die Möglichkeiten der Malerei auszuloten.[1]  Das nenne ich mal ein hehres Unterfangen, wenngleich es mir in seiner Vagheit auch recht suspekt erscheint. Von der Origamitaube zum Entengrimasse, vom Ziffernblatt einer Uhr zum Mondgesicht schlendert Pester lässig durch den Motivfundus der Kunstgeschichte und Alltagskultur. Dass er bei seinem PAIN-TING tiefen Schmerz und furchtbare Pein empfunden hat, bezweifle ich jedenfalls sofort und nachhaltig, auch wenn mir das Wortspiel aus den zwei isoliert untereinander platzierten Silben in Rainy Night (2012) dies suggeriert. So sympathisch mir Künstler, die sich auf der Suche befinden, sind – diese Bilder sind einfach zu gekonnt, als dass ich ihnen abnehmen würde, dass sie die einem mühsamen Bildfindungsprozess abgerungenen Relikte eines künstlerischen Kampfes darstellen. Bestenfalls handelt es sich um die Ergebnisse der Anwendung der in einem solchen Prozess gewonnenen Erkenntnisse über Komposition, wobei man ihnen diese Vorgeschichte nicht ansieht. Auch Henning Bohl spaziert munter durch den künstlerischen Mediendschungel, „scheues Provisorium“ und „lustiger Kurzschluss“, gesampelt zu „hybride(n) Installationen“ und bühnenartigen „Settings“ kennzeichnen sein Werk.[2]

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links:  U. Pester: Ohne Titel, 2009, Öl/Holz, 66 x 52 cm, Courtesy Thomas Rehbein Galerie Köln, Foto: Annette Kradisch.

Mitte: U. Pester: Rainy Night, 2012, Öl/Holz, 50 x 40 cm, Courtesy Thomas Rehbein Galerie Köln, Foto: Annette Kradisch.

rechts: H. Bohl: o. T., 2012, Papier/Lwd., 185 x 140 cm, Courtesy Galerie Meyer Kainer, Wien.

Ein ganz schöner Schlendrian also, den uns die Kunsthalle da vorsetzt. Was tun? Augen zu und durch? Oder lieber „Spannungen aushalten“? Ich plädiere für Letzteres, denn es gibt durchaus einige Kuriositäten zu entdecken. Gerade bei Henning Bohl hat man manchmal das Gefühl, der Künstler versuche, eine Art Mnemosyne-Bildatlas der alltäglichen Absurditäten zusammenzustellen: Auf einem Din A1-Poster auf Tonpapier mit der sympathischen Ästhetik eines Plakats aus dem Reliunterricht (Namenloses Grauen, Kunsthalle Nürnberg 2013) stellt er Bilder gegenüber, die gewissermaßen der „Pathosformel des Ornaments von der Porzellantasse bis zum Fahrradhelm“ nachspüren, an drei Leinwände, die abstrakte Farbflächen oder klischeehafte Ansichten des  Weltraums zeigen, lässt er quietschbunte Donuts andocken, die wie Miniaturhimmelskörper  oder Schwimmringe für Barbiepuppen aussehen, sich beim Nähertreten jedoch als exzentrische Tesafilmspender der Marke Scotch entpuppen – allein schon der Fakt, dass derartige Kruditäten tatsächlich in Schreibwarenläden zu erstehen sind, macht fassungslos. Da hat jemand offensichtlich diebische Freude daran, uns die Sternstunden des Verbrechen an der Form zu präsentieren, unsere Netzhaut mit verpixelten Fanzine-Covern auf schreiend knallfarbigen Großformaten zu strapazieren oder auch einfach  „schöne“ Materialien aufeinander zu kleben, wie in den Zeichnungen mit rotem Filzstift auf teils mit pastelligen Farbverläufen bedrucktem, teils effektvoll golden glitzerndem Papier, das wiederum auf Zeitungsbögen geklebt ist, die durch ihren bräunlichen Farbstich beinahe vergilbt anmuten. So entstehen Fantasielandschaften aus Tortendiagrammen und Sahnetorten, aus Käselaiben und Fragmenten utopischer Architektur, deren Ästhetik zwischen sachlicher Statistik und Piratenschatzkarte pendelt. Auch Ulrich Pesters Malereien haben jede für sich ihren Reiz, wenn man sie als die Virtuositäten betrachtet, als die sie auch präsentiert sind, so wie das einzeln gehängte Twin Peaks vs. Picket Fences (2012) in einem auratisch schimmernden Lichtkegel, den das Bild selbst auszusenden scheint.

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links: H. Bohl: Installationsansicht Ausst. Cornet of Horse, Johann König, Berlin 2011, Courtesy Henning Bohl u. Johann König, Foto: Roman März.

rechts: U. Pester: Twin Peaks vs. Picket Fences, 2012, Öl/Holz, 65x50cm, Courtesy Thomas Rehbein Galerie Köln, Foto: Annette Kradisch.

Ich mag Tischskulpturen mit Beinen aus Starwars-Schultüten. Ich habe ein Faible für Kreuzschraffur und gewischte Hintergründe. Jemand anders begeistert sich vielleicht für malerisch fingierte Karostoffe und hat ein heimliches Markisen-Steckenpferd. Die Angebotsbreite der Ausstellung ist streckenweise irritierend, sicher nicht unproblematisch und irgendwie auch ganz fein. Darüber, ob diese eigentümliche Wirkungsmelange eine bewusst anvisierte ist, könnte ich an dieser Stelle nur mutmaßen – daher bleibe ich dabei, zu konstatieren, dass mir beim Besuch dieser Ausstellung zwar nicht immer ganz wohl war, ich aber trotzdem zeitweise Gefallen an ihr gefunden habe.

Kurz bevor ich die Kunsthalle verlasse, will ich es dann aber doch nochmal genau wissen: Wo ist es denn jetzt bitteschön, das Leitsystem Wuffi? Stirnrunzeln beim diensthabenden Personal. Dann, zögerlich: “ach ja, genau, da war mal was, hier auf dem Boden…leider ist es bei der Vernissage kaputtgegangen, irgendein Besucher“. Und während ich mir noch ausmale, mit welcher Wunderwaffe aus Qs Laboratorium der unbekannte bilderstürmende Vernissageur Wuffi wohl zu Leibe gerückt sein mag (die selbsttretende Gipsfußattrappe? der garstige Krallenregenschirm? oder doch die gemeingefährlichen Kugelschreibertorpedos?), denke ich, dass es eigentlich ganz gut ist, dass Wuffi, das ich als tierliebender Ausstellungsbesucher nur zu gern hinter den Ohren gekrault hätte, sich meinen Streicheleinheiten entzieht – denn keine real existierende künstlerische Arbeit kann das toppen, was sich zu diesem Titel gerade in meinem Hirn zusammenbraut.

DAKOTA

Beiblatt zu Ulrich Pester mit corpus delicti

Bilder (bis auf letztes): Pressematerial Kunsthalle Nürnberg.


[1] Sagt: Harriet Zilch im Beiblatt zu Ulrich Pester.

[2] Sagt: Ellen Seifermann im Beiblatt zu Henning Bohl.

08. February 2013 by ellen
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