Ein guter Hasenbraten ist auch was wert. Er muss nur gut sein.

In einer flüssigen Moderne, so ließe sich stirnrunzelnd mit dem Soziologen Zygmunt Bauman sinnieren, hat man es schon schwer mit den Werten: „’Creative destruction’ is the fashion in which liquid life proceeds, but what that term glosses over and passes by in silence is that what this creation destroys are other forms of life and so obliquely the humans who practise them.“ (Liquid Life, Cambridge/ Mass. 2010, S.3 )

on my way to mainz - Impressionen vom Frankfurter Hbf

on my way to mainz – Impressionen vom Frankfurter Hbf

Der in seiner scheinbaren Vorherrschaft von Bauman kritisierte ‚Wert’ zeitgenössischer Kunst ist der einer problemlos konsumierbaren Variabilität, die rasche Zirkulation an die Stelle verlässlicher Dauerhaftigkeit setzt und damit für den mit Arendt und Adorno argumentierenden Bauman sehr wohl eine Gefährdung der Kultur durch den Versuch, diese zu funktionalisieren (d. h. als rein von gesellschaftlichen Prozessen abhängige Bewegung zu behandeln) und vorausplanbar zu machen, darstellt.

Der Wert der Kunst wurde ebenfalls diskutiert im Rahmen des 33. Kunsthistorikertages vom 24.-28. März 2015 an der Universität Mainz. Die zahlreichen Sektionen, Foren und Podien befassten sich unter anderem mit Provenienzforschung und Sammlungspraktiken, ebenso mit „Dem Wert des Goldes“ und der Bedeutung der Beziehung von Kunstwerken zu ihren diskursiven oder ganz alltäglich gelebten und erfahrbaren Kontexten für unterschiedlichste Arten, mögliche Qualitäten und Quantitäten des Werts der Kunst zu denken.

Ein Wert, den Kunst ihren Betrachtern vermitteln kann, ist Identität. Was Identität heutzutage genau sein soll, bleibt allerdings dann doch eher offen. Natürlich kann sich der Ankauf eines von einem aus einem bestimmten Ort stammenden Künstler geschaffenen Kunstwerks für eben diese Gemeinde oder Stadt aus öffentlichen Mitteln positiv auf das Selbstwertgefühl einer ganzen Menge an Menschen auswirken, wie auch Isabel Pfeiffer-Poensgen (Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder) am Eröffnungsabend des Kongresses in einer Podiumsdiskussion bemerkte.

Beschäftigt man sich jedoch eingehender mit der Relation zwischen Kunst und Identität, so muss man dabei doch wieder Zygmunt Bauman bemühen: Wenn Kunstwerke verstärkt die Bedeutung des (im metaphorischen Sinne) im Zuge der Herstellung eines Kunstwerkes oder der Durchführung eines Kunstprojekts ganz individuelle Strecken zurücklegenden Subjekts hervorheben, das links und rechts seines Weges auch ganz viel beiseite und hinter sich lässt, so kreiert dies das Bild eines souverän voranschreitend das immer Nächste in Angriff nehmenden Konsumenten, der sich mit viel Kennerschaft sein ganz persönliches Warenregal an Produkten, Events und Beziehungen ‚kuratiert’.

Tatsächlich, so Bauman, läuft ein so verstandenes Inidviduum jedoch schlicht auf der Stelle. Es rennt so schnell es kann, um selbst nicht konsumiert zu werden, und nimmt dabei in Kauf, dass der Ballast an Menschen und Dingen, den es sich auf seinem (Nicht-)Weg immer wieder zu entsorgen gezwungen sieht, erst gar keine Chance bekommt, nebenherzulaufen und Schritt zu halten. Dies ist umso kurioser, als sich der Konsument nach Zygmunt Bauman ja gar nicht vom Fleck bewegt und es somit sogar sehr gut möglich ist, sich neben das Laufband zu stellen oder gar zu setzen und trotzdem – und um einiges entspannter – konstant auf einer Höhe mit dem selbsternannten Extremsportler zu bleiben.

Wenn also Innovation als Wert und Kriterium unmöglich noch zu erreichen ist und auch das vielleicht nicht neue, aber immer andere Besondere, das Produktwerbung und Kunstmarkt versprechen, vor allem Erschöpfung verheißt – was soll man sich dann noch erhoffen?

In den Sektionen zu „Mimesis und Moderne“ und zum „Marktwert des Sozialen“ beschäftigten u. a. sich Christian Janecke und Antje Krause-Wahl mit unterschiedlichen Bemühungen in der Kunst, sich dem Mainstream zu überantworten, und, so scheint es mir, damit auch mit (unterschiedlichen) Alternativen zu einer Ästhetik des Prekären (Nicolas Bourriaud), die der Informations- und Bilderflut sich in ihrer Feier des Auswählens und Weglassens nicht ganz vom Elitären zu lösen vermag: „Getting the site ready for ‚downshifting’ bestows meaning on the ‚upshifting’ bit, and becomes its main purpose“ (Liquid Life, S. 2) – der Ruf nach Selektivität richtet sich also wiederum lediglich an diejenigen, die überhaupt auch die Wahl haben, nicht an solche Mitglieder der Gesellschaft, die nur zu gerne einmal vom Überfluss überfordert wären, während sie doch nur den Mangel an Möglichkeiten kennen.

Während Janecke sich mit der Durchschnittsbildung in der Kunst einer Strategie widmete, um eine große Menge an in höchstem Maße heterogenen Daten zu einem einzigen Bild oder einer einzigen Zahl zu verdichten, die ein authentisches ‚So-ist-es’ suggeriert und dabei doch nie ein Einzelnes abzubilden vermag, kam Krause-Wahl in ihren Überlegungen zum Akzelerationismus aus der anderen Richtung: Klickt man sich durch die Seiten des im Vortrag analysierten Onlinemagazins der Künstlergruppe DIS, stößt man auf alles mögliche, bloß keine Kondensate. Fashion Photography, politisch und philosophisch ambitionierte Essays, Produktempfehlungen usw. Alles in allem hat man es, kurz gesagt, mit dem Vorhaben einer stark beschleunigten Zerstreuung von künstlerischen (?) Formen und Inhalten über deren Verbreitung im Netz zu tun.

Durchschnittsbildung und Dispersion basieren als Strategien beide auf dem Einsatz eines Überflusses, einer regelrechten Datenschwemme, mit der man eben nicht nur wählerisch umgehen kann, sondern die unabhängig von dem, was einzelne Künstlersubjekte tun, immer weiter insistiert, verwertet und bereichert werden will. In beiden Fällen kommt es wiederum zu einer Vereinheitlichung von Bildern und Daten über die in dieser Benennung paradox anmutende Kategorie des Heterogenen, die im Durchschnittswert transzendiert erscheint und auf der Onlineplattform zur publikumswirksamen Selbstverständlichkeit wird.

Welche Implikationen sich hieraus ergeben könnten, möchte ich offen lassen, und stattdessen auf obiges Ein-Bild-Essay verweisen, zur Anregung weiterer Gedanken über vielleicht produktive Überschwemmungen im Bereich der Kunst

30. March 2015 by ellen
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