Schwarze Riesen und Weiße Barbaren

Charakteristisches Merkmal eines beim Videodreh eingesetzten Greenscreens ist es, sich als Hintergrund problemlos ausblenden zu lassen. Im Grunde wird er nur zu diesem Zweck angebracht. In Mark Leckeys Ausstellung Als ob – As if im Haus der Kunst in München (30.1.-31.5.2015) ist die leuchtend grüne geräumige Box, in der ein überdimensionierter schwarzer Kühlschrank der Marke Samsung der Besucher harrt, keineswegs auszublenden – zu riesig, zu kontrastreich fällt die GreenScreenRefrigeratorAction (2010) aus, als dass man sie übersehen könnte. Der „Kühl-Gefrier-Doppeltürer“ taucht auch auf einem Bildschirm neben dem lebensgroßen Exemplar auf, hinter ihm ziehen makellose Bilder der Werbe- und Konsumwelt vorüber, vom Sonnenuntergang bis zum Romanesco-Gemüse, von der Küchenarbeitsfläche bis zum Sternennebel.

Man fragt sich, weshalb das Elektrogerät überhaupt unbedingt vor dem Greenscreen gefilmt werden musste, denn es rührt sich keinen Millimeter von der Stelle. Dafür monologisiert der Kühlschrank – oder sein Bild – oder die zu diesem abgespielte Soundquelle, die man als seine Stimme zu identifizieren geneigt ist – ungerührt in einer Art abgehacktem Sprechgesang in den Ausstellungsraum hinein: Ihr ist kalt. Sie spricht über Energieflüsse, von der Notwendigkeit, den Kontakt zum Boden nicht zu verlieren und steht dabei starr, die vom Griff des Gefrierfachs gebildeten Lippen unbewegt.

 

Stahl, Edelstahl.

Normalisiert und passivisiert, kalt zum Band

Gerollt, schwarz wie Kohle gebrannt.

Türen, Türen in kühl. Dichte Kühltüren.

Im Innenbereich beschichten

Silberpartikel meine glasigen Wände.

 

Weit offen.

Riesiger Innenraum.

Weit offener Take out-Tray.

Kunsprig, knuspriger, Knuspriger.

Gefrierfach und Frischezonen.

Quick Space Fach oben.

Mein Ziel ist haushalten. Mein Ziel ist

Haushalten. Mein Ziel ist Hom-ö-o-stase.

 

Die lose Ansammlung von Textfragmenten vereint Zitate aus dem Popol Vuh (dem Heiligen Buch der Maja), aus einer Abhandlung von Calvin Tomkins zu Duchamps Großem Glas und aus der Bedienungsanleitung des Elektrogeräts. Ob Kunst oder Nicht-Kunst scheint dem Kühlschrank, der viel Wert auf seine „kosmologische Verbindung mit den Dingen“ legt, nicht so wichtig zu sein.

In seiner verschlossenen Distanziertheit und zerstreuten Bereitwilligkeit, sämtliche Eindrücke aus seiner Umgebung einzufangen und in einer höchst „subjektiven“ Mash up wiederzugeben (sofern man bei einem Elektrogerät von Subjektivität ausgehen kann – was Mark Leckey wohl befürworten würde) erinnert der Kühlschrank an den Flâneur des 19. Jahrhunderts, der durch die Straßen der modernen Stadt schlenderte, um sich seine eigene Ordnung der Dinge zusammenzusuchen. GreenScreenRefrigeratorAction jedoch besitzt nicht nur eine visuelle Ebene, sondern auch eine auditive, die eine gewisse surreale Gleichgültigkeit auf mechanische und relativ unaufgeregte Weise vermittelt.

In jedem Fall scheint der Kühlschrankriese der Charakterisierung des sich selbstbestimmt seinen Weg durch die Menge Bahnenden eher zu entsprechen als der Besucher: Letzterer muss sich in einem engen Kämmerlein, in den ein aus statischen Momentaufnahmen montierter öffentlicher Raum projiziert wird, Kopfhörer überziehen, um im Video The March of the Big White Barbarians (2006) eine Art bildungsbürgerliche – dabei aber durchaus unterhaltsame – Diashow über sich ergehen zu lassen. Der Soundtrack in einer Art Marschrhythmus – eine vertonte Übersetzung eines Gedichts von Maurice Lemaître – erinnert an Blaskapelle, Hiphop, indische Trommelmusik, Popsongs und Musicalballaden zugleich und begleitet einen bunten Reigen Londoner Skulpturen im öffentlichen Raum.

Mark Leckey, March of the Big White Barbarians from Cabinet Gallery on Vimeo.

Die die Kunstwerke zeigenden Filmstills wechseln im Rhythmus der Musik, erst langsam, dann schneller, stolz präsentieren sie Figuren an Hafenpromenaden und zwischen Hochhausschluchten im Börsenviertel, vor Sonnenuntergängen oder blauem Himmel, figurativ voranschreitend oder auch abstrakt, hell strahlend oder in gedecktem Anthrazit: Vom Traffic Light Tree bis zum sog. „Wallstreet Bull“, von Richard Serra über die Figuren Stefan Balkenhohls bis zu Newton mit dem Zirkel. Ob allerdings nun die Skulpturen selbst oder ihre nicht immer schmeichelhafte und nicht selten elitäre Umgebung – Baustellen, Luxushotels, Banken – die eigentlichen „Barbaren“ darstellen, bleibt offen.

Man hält sich länger in der Ausstellung auf, als angesichts der in ausreichend, aber nicht einschüchternd großer Anzahl vorhandenen Werke annehmen könnte. Das liegt auch daran, dass eigentlich alle der auf bewegten Bildern oder Tonspuren basierenden Arbeiten im Loop präsentiert sind, weshalb man intuitiv etwas länger vor ihnen verweilt, als es dauern würde, die betreffende Sequenz einmal von vorne bis hinten anzusehen/ zu hören, bzw. geduldig wartet, bis die Tonspur des  sprechenden Kühlschranks erneut erklingt. Irgendwie hat man das Gefühl, auch den Zeitraum zwischen den Monologen als Teil eines rhythmischen Ganzen würdigen zu müssen.

Zusätzlich verzögernd auf die Wahrnehmung daher tendenziell den Aufenthalt vor der Arbeit verlängernd tritt in GreenScreenRefrigeratorAction hinzu, dass die Kühl- Gefrierkombination keine besonders deutliche Artikulation besitzt: Der von Leckey gesprochene und verzerrt wiedergegebene Text ist daher auf einer LED-Schriftanzeige parallel visuell mitzuverfolgen. Dabei ist diese Anzeige so auf der gegenüberliegenden Wand angebracht, dass man entweder die bunte Bilderfolge auf dem Monitor verpasst, wenn man sich auf den Text konzentriert, oder dem Text nicht folgen kann, wenn man die Bilder betrachtet, oder aber gezwungen ist, den Kopf in hektischer Bewegung hin- und herzuwenden, als folge man angespannt einem schnell fliegenden Ball in einem Tennismatch über das Netz. Wie man es auch anstellt, eine geschlossene Erzählung ergibt sich schwerlich.

Ähnlich arm an Erzählung, dafür aber voller stimmungsvoller Eindrücke zeigt sich die Ausstellung an weiteren Stellen: Überall flackern und flimmert es, das Rattern der Projektoren und das Stocken von Bild- und Tonspuren, die starken Helligkeits- und Farbkontraste, gepaart mit Spiegelungen und anderen optischen Spielereien sind auffällig genug, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, dabei aber nicht so aufdringlich, dass man sich geblendet fühlte. Fiorucci made me hardcore (1999), laut Begleittext „einer Ode an die britische Tanzkultur, besteht zu einem Großteil aus tanzenden Beinen in weiten Hosen, hin und wieder auch Füßen in Rollschuhen, die durch die Klangkulisse des britischen Nachtlebens wippen, gleiten, raven. Immer wieder bricht die Musik ab, kurz bevor man mitwippen möchte, als ob die „Platte“ hängt, einzelne wiederholte Töne erinnern an Sirenen.

In Made in ’Eaven (2004) spielt Leckey mit dem Standpunkt des Betrachters: Der glänzend spiegelnde Rabbit aus dem Werk Jeff Koons’ wurde für den Film nicht im Atelier Leckeys aufgebaut sondern samt des Settings computergeneriert und in 16mm übertragen – als ob es nur darum ginge, dem Projektor im Ausstellungsraum einen bildkräftigen Vorwand für seine unüberhörbare Präsenz zu liefern.

Leckey macht, nach eigenen Angaben Dinge gern selbst. Doch diese kommen erst als Bild, als „Image“, ins Leben – vielleicht, weil ein Bild beweglicher ist als z. B. eine Tonplastik, weil es schnell von hier nach dort und weiter flimmert, weil es als ein bewegtes, so wie man es aus Werbe- und Unterhaltungsmedien gewohnt ist, fast schon selbstverständlich von Sound begleitet wird, der es verfremdet und gleichzeitig komplettiert. Weil Bilder projiziert werden müssen und untrennbar mit den Gerätschaften, die sie herstellen, bearbeiten und verbreiten, verbunden sind.

Charakteristisch für die Bilder Leckeys – seien es Bronzeskulpturen vor Glasfassaden, Kühlschränke vor Wolkenhimmeln oder Kühlschränke vor leuchtenden Greenscreens – ist, dass sich Vorder- und Hintergründe permanent darum streiten, wer ihn einnimmt, den vordersten, dem Betrachter am nächsten Platz, der sich einprägt und somit gerade nicht austauschbar wirkt. Die projizierenden Apparate und der Betrachter wiederum bilden weitere Ebenen innerhalb des Bildes, das nicht zuletzt auch sein eigenes Display, sein „Davor“ einschließt und erst in dieser komplexen Staffelung entsteht. Ob Leckey tatsächlich Bilder von Dingen behandelt, als wären sie ‚echte’ Dinge, oder nicht vielleicht eher Dinge, als wären sie immer potentielle Bilder – das ist die Frage.

20. April 2015 by ellen
Categories: Blog | Leave a comment

Leave a Reply

Required fields are marked *