Rennmäuse weinen rote Tränen, wenn sie nicht artgerecht gehalten werden.

Alexandra Hojenski und Julia Liedel: Abkehr vom Weltschmerz, Ausstellungslabor AdBK Nürnberg, 7.-23. Mai 2015

Wahrscheinlicher als dass das heutige Kreativsubjekt in Tränen ausbricht, wenn ihm Selbstverwirklichung verwehrt bleibt, ist, dass es sich aufgrund seiner permanent zur Entwurfsarbeit und zu Networking-Zwecken notwendigen Bildschirmarbeit gezwungen sieht, sich seine von ihm selbst ‘entfremdete’ Tränenflüssigkeit aus der Apotheke zu beschaffen – eine kostbare Ressource, die es nicht emotional zu verschwenden gilt. Während in der Romantik Melancholie als Steigerungsform des Selbstbewusstseins bei einem Ausnahmemenschen galt, darf heute jeder ein bisschen Genie sein, insofern man es ihm weniger zusteht als abverlangt, sich in möglichst hohem Maße ‘autonom’ zu zeigen. Wem dies nicht gelingt, dem bleibt immer noch die Option, die Säfte wallen zu lassen, die im Überfluss vorhandene schwarze Galle, die dem künstlerisch ambitionierten Melancholiker als düster glänzende schwarze Tusche dient, um das seinem tief empfundenen Leiden abgerungene Kunstwerk zu Papier zu bringen.

Von schwarzer Tusche ist weit und breit nichts zu sehen in der Ausstellung von Alexandra Hojenski und Julia Liedel. Stattdessen: Weich fallende schwarze Vorhänge, hinter denen sich ein buntes Sammelsurium an Fundstücken verbirgt, und eine begehbare getreppte Holztribüne, die an ein mysteriösen Ritualen als Schauplatz dienendes Monument der Maya erinnert. Dem Gang durch ein Labyrinth niedriger Räume folgt hier die Gelegenheit zum potentiell befreienden Aufstieg, Anflüge von Ekel, die man angesichts der abgegriffenen Gegenstände in dem von Julia Liedel bestückten Halbzeuge-Fundus empfunden haben mag, lösen such auf in luftige Übersicht, die sich dem Betrachter von der obersten Etage der Holzkonstruktion auf ein von Alexandra Hojenski unter der Decke angebrachtes Landschaftspanorama bietet: Das vom Format her eher mickrig ausfallende Fries einer mit Rügener Kreide gezeichneten Berglandschaft schwebt wie ein Kommentar über dem bunten Chaos in den Niederungen der Ausstellungshalle.

Malerei von Alexandra Hojenski

Malerei von Alexandra Hojenski

Das Bedürfnis des Menschen, sich in oft artifiziell hergestellte ‘Naturzustände’ zu begeben, spielt bei beiden eine tragende Rolle. Wo Julia Liedel in hügelige Fantasieländer erfindet, nimmt sich Alexandra Hojenski die klischeehaft bildgewordene Natur zur Vorlage. So verwandelt sie das entleerte Motiv exotischer Dschungelszenen, wie es z. B. auf in Kolonialzeiten beliebten Wandteppichen zu finden ist, in abstrahierte Malereien, die sich dem Betrachter wie spiegelnde Wasseroberflächen entgegenstellen. Als Bilduntergründe dienen ihr alte Landkarten, belastungsfähige Rucksackstoffe und anschmiegsames Soft-Shell-Material: Landschaften-to-go, problemlos einschnürbar, witterungsbeständig und wärmeisolierend. Als könnte man sie jederzeit von der Wand nehmen, als persönliche Panoramen, die jeder leicht unter dem Arm tragen und bei Bedarf zu Dekorations- wie Versenkungszwecken entrollen kann.

Weltschmerz scheint in einer Atmosphäre ungreifbarer Anspannung aufzukommen, in der das an das Individuum über die Medien herangetragene Leid allzu oft weit fort und unbeeinflussbar erscheint. Dem ist aus zwei Richtungen zu begegnen: zum einen der des wiederaufgenommenen gesellschaftlichen Engagements, zum anderen der einer „mutigen Bejahung des eigenen Tuns“, das die unvermeidliche Permanenz des, Momente der Peinlichkeit miteinschließenden, Selbstbezugs produktiv werden lässt, ohne ökonomische Verwertbarkeit und lesbaren Sinn zu hervorzubringen.

Julia Liedel: IV/IV, 2015, Ölkreide auf Papier, 150 x 180 cm.

Julia Liedel: IV/IV, 2015, Ölkreide auf Papier, 150 x 180 cm.

So sind die Tiere in Julia Liedels an surrealistische Beschwörungen des Unterbewussten erinnernden Pastellzeichnungen unbekümmert mit ihren eigenen Körperöffnungen oder denen ihres Gegenübers beschäftigt, sie hängen faul auf Kokospalmen herum oder massieren sich gegenseitig unentgeltlich den Rücken. Die unter körperlichem Einsatz entstehenden Großformate aus teils bedruckten und zerknüllten Papierschichten werden den Tiergestalten als bunte Spielwiese zur Verfügung gestellt. Zwischen Wildgehege und Streichelzoo verwandelt sich die Malerei in einen Ort, den man irgendwo am Ende des Regenbogens vermutet. Rosa leuchtende Nebelschwaden wabern dort durch khakifarbenen Gouacheschlamm, als dünste dieser etwas aus, dessen Geruch man sich wie den einer sorgsam gepuderten und parfümierten, ungewaschenen Allongéperücke vorstellt. Der zarte Glow des visualisierten Moschusduftes schillert zwischen Galactic Mauve und Raspberry Diamonds – den Trendfarben der Saison eines marktführenden Kosmetikunternehmens.

Julia Liedel: Julia fights well in the woods, in progress, Filmstill.

Julia Liedel: Julia fights well in the woods, in progress, Filmstill.

In einem Video sind die Künstlerinnen gemeinsam im Wald unterwegs. Vor bräunlicher Blattkulisse stapfen sie voran, fest entschlossen, sich die auf den ersten Blick unwirtlich zeigende Umgebung zu ‘ihrer’ Natur zu machen. Äste, Stöcke und Stämme werden zu bemoosten Requisiten in einer Art Wiederaneignungsritual, das der mutmaßlichen Entfremdung des Menschen aus seiner Umgebung mit der selbstironischen Bereitschaft zum Erfüllen von Klischees vom Überleben in freier Natur begegnet. Auf das Erscheinen eines Grizzlys oder Amazonas-Alligators wartet man vergebens. Der Spannungsbogen hängt etwas durch – vermutlich das Symptom einer leichten Erschöpfungsdepression.

Auch Krokodile können weinen. Ihre fette Beute zwischen den Zähnen zerbeißend, müssen sie den Augendruck durch die Produktion von Tränenflüssigkeit ausgleichen. Ob sie dabei Weltschmerz empfinden, ist bisher nicht erwiesen.

11. May 2015 by ellen
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