Kunst als Fremdsprache

Cody Chois “Culture Cuts” in der Kunsthalle Düsseldorf, 9. Mai – 2. August 2015

choi culture cuts plakat

Pepto-Bismol ist pink, weil es hübsch aussieht. Und Pepto-Bismol ist pink, weil es sonst nicht Pepto-Bismol wäre. Pink ist nämlich auch das Vertrauen in Pepto-Bismol, ein rezeptfrei in den USA erhältliches Arzneimittel gegen Durchfall, Völlegefühl und alles, was einen sonst im Bauch grimmt. Auch Cody Choi (*1961, Seoul), der 1983 in die USA floh, gibt an, durch Pepto-Bismol eine Linderung seiner in diesem Zuge auftretenden Magenproblemen erfahren zu haben. Durch Beimischung der pinkfarbenen Arznei in sein Material scheint er in der Folge seiner künstlerischen Laufbahn ebenso zu versuchen, prophylaktisch seine Verdauung westlicher Kunst zu unterstützen.

Und so sitzt The Thinker #1 (1995/96) in Gestalt eines pinkfarbenen Klumpens aus getrocknetem Toilettenpapier auf einer Transportkiste in der Kunsthalle. Den entfernten Verwandten von Rodins Denker umzingeln Miniaturen unvollständig überlieferter Antiken wie der Nike von Samotrake und der Venus von Milo – idealen Schönheiten, die kopflos aufrecht stehen und keine Arme brauchen, um Haltung zu bewahren. Doch auch ihr edler Kontur verschwimmt im grob modellierten Pappmaché, das nicht im makellosen Weiß des Marmors oder Gipsabgusses, sondern schweinchenrosa schimmert.

Ein ähnlich irritierendes Körperbild bietet die Box for multiple penises (1994): acht Holzkisten mit phallisch geformten Aussägungen, übereinandergestapelt, in Schraubzwingen gezwängt und mit Spanngurten umzurrt. Auch wenn Choi davon spricht, das Objekt habe durch mehrstündige Präsenz des entsprechenden Körperteils dessen Energie gespeichert, erinnert die beachtliche Akkumulation an Manneskraft an das, was Amerikaner „pull apart meat“ nennen: ein Stück Fleisch, das nach besonders langer Garzeit wie von selbst zerfällt.

Chois Objekte sind zusammengeschnürte Bruchstücke. Sie fügen sich weder zur Ganzheit noch lösen sie sich in der Magensäure einer individualkünstlerischen Materialsprache auf – und das mit voller Absicht. Die Kompositionen bestehen aus Fugen und Nähten. Auch die Skulpturen aus Pepto-Bismol-Pappmaché wirken eher verspachtelt als modelliert.

Oft gerät dies provokativ plakativ, so z. B. in den Episteme Sabotages (2014). Diese taggen Werke der westlichen Kunstgeschichte mit zerschlissenen Stofflappen, die wenig schmeichelhafte Slogans zur Schau tragen. Van Goghs Sonnenblumen etwa hat man ein „Yellow Ass“ angehängt. Wie bei einem Erpresserbrief wurden die auf Stoff gemalten Buchstaben einzeln ausgeschnitten und auf einem weiteren Stück Stoff zu Wörtern genäht.

Auch vor dem Werk seines Mentors Mike Kelley macht Choi nicht Halt. Man fragt sich jedoch, welchen Zweck er damit verfolgt, denn bereits Kelleys Catholic Birdhouse kann als Kommentar auf einen elitistischen, pseudomoralischen Kunstbetrieb gelesen werden. In Kelleys Arbeit ist dem Vogelhaus, das ankommenden Betrachtern und Vögeln ein oberes kleines Loch – „the hard way“ – und ein unteres großes Loch – „the easy way“ – anbietet, eine Erläuterung beigegeben. So soll ein Weg in eine dunkle Grube, der andere in lichte Weite führen. Choi versieht in seiner Version die mutmaßlich bequemer passierbare Öffnung mit einem schmuddligen Fetzen mit der Aufschrift „Yes“. Warum, scheint er zu fragen, soll man es sich schwer machen, um die luftige Höhe des Elfenbeinturms zu erklimmen, wenn sich dieser als Dachgeschoss eines hölzernen Vogelhauses entpuppt?
Der Kommentar sagt nichts, was Kelley nicht bereits angedeutet hätte. Chois Appropriation fügt dem Zitierten ein Minimum an Bestätigung hinzu. Ganz unkommentiert will er es aber nicht lassen. Und irgendwie ärgert man sich darüber. Man ärgert sich, dass Choi kein Blatt vor den Mund nimmt und doch so wenig sagt. Und weil man sich ärgert, hat die Skulptur dann wohl doch erreicht, was sie im Schilde führte.

Vielleicht ist Culture Cuts gar keine Ausstellung, mit der man etwas anfangen können soll. Vielleicht geht es da-rum, dass sie einem den Zugang verwehrt, weil die Werke allzu eindeutige Aussagen treffen. Diesem leicht koketten Zug, den man Chois Werken unterstellen könnte, gerecht zu werden, ohne selbst in Koketterie und Plakativität zu verfallen, ist eine kuratorische Herausforderung.
In der Direktheit von Chois Arbeiten könnte eine Kraft liegen, doch das Problem der Ausstellung ist, dass sie vor allem Werkgruppen aneinanderreiht: als Treibgut aus Bodenarbeiten, in ordentlicher Hängung und locker zusammengewürfelt im Raum mit dem Thinker, der zu spärlich bestückt ist, um ein multikulturelles Magengrummeln zu verursachen.

Die Präsentation folgt zu vielen von eben denjenigen Konventionen, die die Arbeiten anzugreifen versuchen, und pendelt unentschieden zwischen Zerstreuung und Konzentration. Doch um Abstände nicht zu überbrücken, sondern produktiv zu machen, muss man die Übersetzung des Unübersetzbaren resoluter angehen. Um etwas zu übersetzen, muss man sich entscheiden, für die eine oder die andere Übersetzungsvariante. Nur so kann das Scheitern der Übersetzung zwischen Kulturen, das einen Dialog gerade herausfordern kann, und auf das auch Choi in seinen Arbeiten anzuspielen scheint, seine Wirkung entfalten.

16. July 2015 by ellen
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