Stilles Leben und schockierende Entdeckungen

Reece York/ Nik Geene: FoulLoot im Kornhäuschen & Random Rules im Ei in Aschaffenburg

Eine Menschentraube drängt sich um eine von innen mit Buttermilch bestrichene Fensterfront, kneift die Augen zusammen, lugt durch die schmalen, einzig durchsichtig gebliebenen Ränder des opaken Glases und entdeckt im Inneren des Raumes: eine dicke Scheibe Blutwurst. Ein flüchtig über die Schulter geworfener Blick zeigt: man hat sich nicht in der Tür geirrt, den Schlappeseppel hat man immer noch im Rücken, und das, was man da vor sich hat, ist definitiv keine Vesperplatte. Vielmehr handelt es sich um eines der beiden installativen Arrangements von Reece York, die, entstanden unter Mitwirkung von Nik Geene, noch bis 5. Dezember 2015 im Kornhäuschen in Aschaffenburg zu sehen sind.

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In einem der kleinen Räume befindet sich ein möbelstückartiges Metallgestell, ähnlich einer den Konstruktionen Sol LeWitts nachempfundenen Parkbank , deren Sitzfläche und Rückenlehne aus Luft bestehen. Nostalgisch angerostet und so ganz ohne einen Menschen, der sich auf ihr niederlassen könnte, wirkt das Objekt fast selbst ein wenig betrübt. An der Wand zwei holzgerahmte Blätter: Eine Fotografie roter Weintrauben, daneben ein roter Farbfleck, der sich beim Nähertreten als Teil eines Abdrucks der Handinnenfläche entpuppt. Die Struktur wirkt lebendig, verletzlich und verletzend zugleich und färbt damit auch die Stimmung, die sich über die Objekte legt.
Der zweite Raum beherbergt besagte Scheibe Blutwurst – aufgehängt mitten in einer von Baustrahlern angeleuchteten Art Calder-Mobile, das außer Wurst auch noch Brot, Käse und sonstiges Allerlei, das sich durch die milchigen Scheiben schwer identifizieren lässt, an Bambusstangen und gebogenen schmalen Metallleisten befestigt präsentiert.

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Zwei Stillleben in zwei Räumen, getrennt durch eine Säulenreihe. Zwei Stillleben, von denen das eine den Betrachter draußen stehen und sich die Nase plattdrücken lässt, das andere ihn mit leiser Abwesenheit umfängt. Das „faule Diebesgut“, das sich hier zu erbeuten ist, verdankt seinen Wert gerade dem, was es uns scheinbar vorenthält. Wer es voreilig als ‚nutzlosen Plunder’ in den Schlossgraben wirft, trägt allein daran die Verantwortung.

So adrett die Ausstellung im Kornhäuschen daherkommt, so abgerissen zeigt sich die Lage drei Gassen weiter im Ei, dem von Michael Uecke betriebenen Ausstellungsraum, der seine Fläche für die von George Rippon organisierte Ausstellung Random Rules kurzerhand auf ein benachbartes ehemaliges Ladengeschäft ausgedehnt hat. Dort tummeln sich – rechnet man die Hinterlassenschaften eines nur indirekt zur Ausstellung gehörenden Künstlers als Exponate mit – Arbeiten von insgesamt 22 Künstlern unter der Herrschaft des Zufalls vergnügt zwischen rohen Steinwänden, abgenutzten Kacheln und einem mysteriös unter Abdeckplanen verborgenen Haufen je-ne-sais-quoi.

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Man fühlt sich durchgehend wie in der Geisterbahn: Auf einem ranzigen alten Behandlungsstuhl (der Laden war einmal ein Tattoostudio) liegt eine zerknautschte Maske, ein paar Schritte daneben wartet – grausig verdoppelt durch einen an der Wand lehnenden Spiegel – eine Skulptur in Gestalt eines fusseligen Spinnentiers, und, eingekeilt zwischen einem verstaubten Mountainbike und übereinander gestapelten Kartons mit abgegriffenen Zeitschriften, dient eine Mülltonne einem Mini-Fernsehgerät als Sockel. Zu flotter Marschmusik, die aus der anderen Ecke des Raums tönt, bröckelt hier in einem Video der Putz und flattern die Tapetenbahnen vor sich hin. Die Dinge führen ihr eigenes Leben. Und – wie bereits zum diesjährigen Rundgang der Städelschule – badet man auch hier ausgiebig im surrealistischen Whirlpool der verwunderlichen Absonderlichkeiten.

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Internet und Digitalität brennen als Themen auch hier niemandem mehr so wirklich unter den Nägeln – sie sind einfach präsent, in den Freuden der grenzenlosen Kombinatorik, die die Ausstellung bietet.

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Eliza Douglas zeigt vier eng aneinandergehängte leuchtend farbige Leinwände, die in einer Kombination von Fotodruck und Malerei die symmetrische Struktur eines Rorschachtests aufgreifen. Im Schaufenster sammelt sich eine Brigade abgegossener Pferdefüße, in die pastellige Wasch- und Reinigungsmittelmittelflaschen gesteckt wurden (Lena Henke). Zu ihnen gesellt sich ein von Natalia Rolon zylindrisch aufgerolltes, senkrecht zum Stehen kommendes Foto mit stock-image-Flair und dem Motiv eines abgeschnittenen Frauengesichts, umschmeichelt von gelbem Plissee und – wohl zu seiner eigenen Sicherheit vor dem handgreiflichen Potential lüsterner Blicke – eingezäunt von weiß lackiertem Maschendraht.

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Es fehlt den Arbeiten der Absolventen und Studierenden der Frankfurter Städelschule keineswegs an erotischer Aufladung, die sie dem surrealistischen Objekt nach Breton und Aragon nur noch weiter annähert. Auch Dani Leders Kohlezeichnungen mit anzüglich sich gebärdenden Tier- und Menschengestalten und Julian Tromps schwarzes Querformat mit einer applizierten Holzpfeife, der statt Rauchwölkchen zarte Strohfäden zu entschweben scheinen, fügen sich in den Charakter der Schau als einem Fest der kollektiven Intuition. In jeder Ecke – sogar auf dem Klo – gibt es was zu entdecken, und wenn man sich einer Sache sicher sein kann, so ist es, dass man beim Verlassen der Ausstellung vermutlich so einiges nicht gesehen hat.

Natürlich lässt die Zutatenliste, die neben einem zerlumpten Ausstellungsraum eine Reihe an dem Sperrmüll geweihten Gegenständen und eine sorgfältige Auswahl an Kunstwerken in unterschiedlichen ‚alten’ und ‚neuen’ Medien umfasst, ein bestimmtes, durchaus schmackhaftes Ergebnis erwarten. Den hier nur scheinbar regierenden Zufall haben sich die Künstler aber geschickt zum Untertan gemacht, alles steht hier am richtigen Platz und es gelingt ganz selbstverständlich, Arbeiten von 21 Künstlern und noch mehr zu zeigen, ohne dass der Raumeindruck im Ganzen leiden würde.

Man muss schon zugeben, dass Random Rules zu 90% aus Raumatmosphäre besteht und die einzelne Arbeit als solche hier praktisch nicht existiert. Es ist bunt, es ist chaotisch, und die Welt wird diese Ausstellung wahrscheinlich nicht groß verändern. Aber man wünscht sich mehr davon: Mehr junge Künstler aus der Umgebung, die in Aschaffenburger Räumlichkeiten gerade mal eben ihr Atelier gleichsam wie eine Schublade auskippen und dabei Erstaunliches zutage fördern. Und: Mehr Aschaffenburger Besucher, die sich den Salat anschließend ansehen, sich begeistern, sich wundern, sich vielleicht auch ärgern, und am Ende beschließen, wiederzukommen.
Egal, wohin man am Samstagabend in der Altstadt seine Schritte lenkt – das Ei und das Kornhäuschen liegen in jedem Fall auf dem Weg, und wenn man schon mal daran vorbeigeht, kann man eigentlich auch einfach mal reingehen.

01. December 2015 by ellen
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