Zwischen den Bühnen

Michael Franz: compromise, Simultanhalle Köln, 24.07.-20.08.2016

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Im Kopf schwebt eine leere Sprechblase. Nicht zu groß, nicht zu klein, sondern gerade recht, um vielsagendes Schweigen zu verbreiten. Eine weitere Sprechblase in der Zeichnung von Michael Franz wagt sich ins Freie, sie verlässt den Kopf – doch auch sie bleibt leer. Ob die fehlenden Worte als Ohnmachtsdemonstration eines auf Inspiration wartenden Künstlers gedacht sind oder als selbstbewusste Behauptung gegen die ständige Pflicht des Individuums, interessante, kluge und originelle Äußerungen von sich zu geben, bleibt offen.

Für seine Ausstellung compromise in der Kölner Simultanhalle hat Michael Franz eine ganze Reihe solcher Zeichnungen in Vektorgrafiken transformiert, stark vergrößert geprintet und auf Leinwände kaschiert. Die kleinen Falten und Wellen der gescannten A4-Zeichnungen behalten dabei ihre Präsenz bzw. steigern sie sogar noch weiter. Die Arbeiten tun immer noch so, als wären sie leicht zu zerknittern und spielen kokett mit ihrer Reproduzierbarkeit.

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Michael Franz: compromise (Ausstellungsansicht)

Doch Michael Franz hat nicht nur selbst gezeichnet, sondern auch befreundete Künstler eingeladen, zu einem kulissenhaften Setting beizutragen, in dem jede einzelne Arbeit zu einem zwitterhaften Als-ob in einer Art Bühneninszenierung wird:

Mitten in Vera Palmes Gemälde Dr. Gfriend (2016) hat sich eine scheinbar spärlich und hauteng bekleidete weibliche Gestalt niedergelassen, streckt lasziv die Beine von sich und krault einen Hund hinter den Ohren. Ob die Elemente um sie herum als weitere Figuren oder landschaftlicher Rahmen fungieren, ob im Vordergrund ein zweites Tier kauert oder doch eher ein großer Plastikbeutel deponiert wurde, ist kaum erkennbar. Düstere Farbschichten werden durchzuckt von violetten und gelben Striemen. Tiefschwarze furchige Linien weigern sich, ein zu Umschließendes von seinem züngelnden Umraum zu trennen. Das vom Setting her fast schon an traditionelle gestellte Atelierbildnisse erinnernde Bild, dessen Titel wohl auf die US-amerikanische Comedy-Cartoon-Serie The Venture Bros. anspielt, zeigt sich auf humorvoll-demonstrative Weise durch und durch als Pose.

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Vera Palme: Dr. Gfriend (2016)

Michael Hakimi wiederum präsentiert mit dem Cut-out eines Unterarms mit stark abgeknicktem Handgelenk eine verlorene Geste. Isoliert aus ihrem Zusammenhang ist sie zu einer funktionslosen Kralle erstarrt. Der poetische Titel scheint dem Concierge d’Amour (2011) dagegen eine unverkrampfte Rolle zuzuweisen und schenkt der Arbeit zusätzliches Assoziationspotential. Der aus sprödem MDF gesägte Arm wirkt in seiner Übergröße bedrohlich und ungelenk, zugleich aber auch einladend, auffordernd, fast schon aufreizend. Palmes dynamisch-pastose Malerei und Hakimis skulpturaler Aufsteller treten auch als Stellvertreter ihrer Gattungen auf, doch sind durch ihre physische Präsenz weit davon entfernt, zur austauschbaren Nebensache zu werden.

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Michael Franz: compromise (Ausstellungsansicht mit Arbeiten von Michael Franz, Michael Hakimi, Claudia Kugler und Vera Palme)

In Claudia Kuglers Postern auf Affichenpapier (Mehr Luxus, 2016) wiederum lassen sich die in- und übereinander gestapelten Buchstaben als im Rapport gesetzter Schriftzug NEW entziffern. Durch die Körper der Buchstaben sprinten Rennmäuse über einen von Grau über Rot zu Schwarz wechselnden Farbverlauf, der an Sonnenuntergang erinnert und – wenn man lange genug hinschaut – irgendwie auch daran, dass schon wieder ein Tag vergangen ist, an dem man nicht schnell genug gerannt ist, um zum Puls der Zeit aufzuschließen. Kuglers zwischen Sprint und Ausdauer, Innovationsbehauptung und demonstrativer Selbstwiederholung oszillierende Affichen komplettieren das Ensemble, das im Hintergrund steht und doch spürbar ins Rampenlicht drängt.

 

Als Labels, Gesten und Posen, wie man zugespitzt formulieren könnte, bilden die drei Arbeiten den Bühnenprospekt an der Stirnwand der Halle. Zentral vor dieser Anordnung wird Michael Franz’ Video Group amidst Mistake (2016) gezeigt. Unter Mitwirkung mehrere Künstlerinnen und Künstler – neben Franz auch Vera Palme, Manuela Leinhoss, Robert Müller, Fabian Ginsberg und Alex Wissel – wurde sie kurz vor der Ausstellungseröffnung in der bereits mit den übrigen Arbeiten bestückten Halle gedreht. Die Akteure diskutieren über künstlerische Produktionsbedingungen und Arbeitsformen, vor allem im Austausch mit anderen. Sie zitieren aus John Cassavetes’ Opening Night, aus eigenen Texten und Texten befreundeter Künstler und bewegen sich, teils unschlüssig, vor den einzelnen Exponaten. Der montierte Charakter der Schau erreicht hier ihren Höhepunkt und wirft die Frage auf, was sich zwischen den Bildern und Objekten ereignet.

 

Laut Erwin Goffman (Wir alle spielen Theater/ engl.: The presentation of self in everyday life, 1959) sind sämtliche Bereiche unseres Alltags von einer Einteilung in Vorder- und Hinterbühnen geprägt. Während die Hinterbühne der Vorbereitung eines Auftritts und als Rückzugsort dient, ist die Vorderbühne der Ort möglichst vollkommener Inszenierung. Ob diese Trennung aber immer so klar durchzuführen ist, ist fraglich. In Atelier- und Proberäumen, auf Vernissagen, Workshops und Arbeitsbesprechungen ist Display, der Kunstwerke wie der Künstlerpersönlichkeit, alles. Gerade in der Kunst sind die Übergänge zwischen Vorder- und Hinterbühnen, zwischen geschützten und potentiell jederzeit dem professionellen Impression Management dienenden Räumen fließend. Die gekonnte Bewegung im Zwischen dieser Räume ist zweifellos zu einer nicht nur künstlerischen Kernkompetenz geworden.

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Michael Franz: Group amidst Mistake (2016, Still)

Auch compromise kann als eine Verschachtelung verschiedener Bühnensituationen gesehen werden. Für das Video Group amidst Mistake improvisierten die Künstler zunächst unter sich, zugleich aber beobachtet von der Kamera und exponiert für ein mitgedachtes Publikum. Eine klassische Vorderbühne dagegen präsentiert uns Drive (2016). Franz’ Video ist eine Montage von Mitschnitten des Symposiums Speculations on Anonymous Materials, das Anfang 2014 im Kasseler Fridericianum stattfand. Hier sowie zu den beiden Folgesymposien traf sich eine mittlerweile eingeschworene Community, um über Einhörner, Urschleim, zweite Natur und neue Materialismen zu debattieren. Franz’ Video zeigt das Symposium als Präsentierteller des zeitgenössischen Kunstbetriebs und ersetzt den Original-Konferenzton durch Musikuntermalung. Statt tiefgehenden philosophischen Ausführungen folgen zu müssen, kann man nun dazu übergehen, bekannte Gesichter im Publikum und vielleicht sogar sich selbst in der illustren Runde zu entdecken.

 

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Michael Franz: Drive (2016, Still)

Michael Franz bespielt die Simultanhalle mit Szenen eines souveränen Aus-der-Rolle-Fallens. Aus der Rolle fallen immer wieder nicht nur die im Video Group amidst Mistake auftretenden Personen, die sich selbst spielen, um dann plötzlich zu jemand ganz anderem zu werden, sondern auch die Objekte, die Hintergrundkulisse für das Video und Hauptdarsteller der Ausstellung auf einmal sind. Sie beanspruchen selbstbewusst eine Bühne für sich und scheinen doch zusammengestellt, um sich gegenseitig zu stützen und zu ergänzen. Sie spielen mit ihrer Versatzstückhaftigkeit, die es ihnen ermöglicht, dynamisch zwischen unterschiedlichen Bühnen und Rahmen, Formaten und medialen Reproduktionsformen zu wechseln.

compromise erscheint als flache Ansammlung von Screens, Leinwänden, affichierten Papieren, PVC-Planen und MDF-Platten. Doch so wie eine leere Sprechblase keine Sprachlosigkeit bedeuten muss, ist Flachheit eben nicht gleichbedeutend mit Unerheblichkeit. Was flach ist, kann flexibel Wände und Räume besetzen und dadurch nicht zuletzt auch eine Unsicherheit bezüglich seines eigenen Status hervorrufen und Verschiebungen zwischen den Kategorien des Rahmens und des Gerahmten herbeiführen. Die Rolle jedes einzelnen Akteurs wird in jedem Moment der gekonnt mit Wiederholungen, Zitaten und Reproduktionen spielenden Ausstellung neu ausgehandelt. Auch als Betrachter findet man sich im Bühnenraum als Mitglied des Ensembles wieder. Verstohlen beginnt man, sein eigenes Skript zu suchen. Die Nervosität steigt. Nun sind es die Arbeiten selbst, die erwartungsvoll von den Zuschauerrängen auf unsere Darbietung herabblicken.

 

Alle Fotos: Daniel Kiss

15. August 2016 by ellen
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