Things I Think I Want

Gruppenausstellung von Jonas Englert, Adam Fearon, Hannah Levy, Aleksandar Radan, David Schießer und YRD-Works im Frankfurter Kunstverein, 10. März – 7. Mai 2017

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David Schießer: Icon Flex: Non-Permanent Templates, 2017 (Detail)

Was ich denke, was ich möchte, was ich denke, das ich möchte. Was ich, glaub ich, haben möchte? Der Titel der Gruppenausstellung im Frankfurter Kunstverein klingt rhythmisch und eingängig wie der Titel eines Best-of-Albums, das in erster Linie Songs von Newcomern präsentiert. Er klingt unentschlossen und doch irgendwie reflektiert. Sagt alles und nichts – was erst einmal nichts Schlechtes heißen muss.

Im ersten Stock empfangen einen Hannah Levys alltäglich-fremdartig anmutende Objektarrangements aus glänzend poliertem Metall, transparenten Kunststoffen, Silikon und Alabaster. Eine rosig schillernde Walnusshälfte auf einem organisch geschwungenen Stahlgestell erinnert an ein Gehirn (Untitled, 2016). Nebenan zeigt Aleksandar Radan das Game Modding des Spiels GTA 5 (In Between Identities, 2015), in dem desorientierte, vom Künstler manipulierte Avatare halb entblößt, in Badeoutfits, Pelzmantel oder mit Gurkenscheiben auf den Augen durch finstere Großstadtszenerien wandeln. Während bei Levy deplatzierte Innereien eine surreale Poesie entfalten, sind es bei Radan die hüllenhaften Stellvertreter von Akteuren, die vor allem in der stellenweise wie grob behauen wirkenden Ästhetik des Computerspiels eigentümlich massiv und leer zugleich erscheinen.

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Hannah Levy: Untitled, 2016

Die Ausstellung bietet weniger einen übergeordneten thematischen Rahmen als assoziative Verknüpfungen zwischen einzelnen Arbeiten. Die körperliche Deformation als Ausgangspunkt für neue, buchstäblich oder im übertragenen Sinne der digitalen Animation, skulpturale Transformationen bei Radan und Levy stellen dabei einen roten Faden dar.

Ein zweiter ließe sich in der unterschwelliger Vergänglichkeit, die uns unter den glänzenden Bild- und Bildschirm-Oberflächen im Alltag entgegentritt, finden. David Schießers digital freigestellte und bearbeitete Bilder von tätowierten, behaarten und bezeichneten Körperteilen, die überdimensioniert an der Fassade und im Treppenhaus des Kunstvereins prangen und wie ausgerissene Papierstücke anmuten. Adam Fearons Installation Paravents (2017) umfasst unter anderen ein Video (Prompt, 2016), in dem der Künstler zerrissene Fotos auf nassem Papier umgekehrt auf einer transparenten Kunststofffläche aneinanderlegt und immer wieder – wie mit einer Wischbewegung auf dem Handydisplay – nach rechts aus dem Bild schiebt, nicht im Ganzen, sondern geradezu zerstückelt aufgrund der Porosität des nassen Papiers. Digitale Oberflächen und fragile Materialitäten zeigen sich hier als eng miteinander verflochten.

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Adam Fearon: Paravents, 2017, mit Video Prompt, 2016

Die Ausstellung ist insgesamt sehr laut, was teils auch zum Konzept gehört – gerade in Jonas Englerts fortlaufend erweiterter 7 Kanal-Videoinstallation Zoon Politikon (seit 2014), in der in jeder Projektion eine bekannte Person aus Kultur oder Politik von ihren politischen Ambitionen, Schwierigkeiten und Überzeugungen seit ihrer Jugend erzählt. Trotz der Soundduschen ist das Stimmengewirr der Vielen nicht auszublenden und lässt eine irritierende Unübersichtlichkeit auf akustischer Ebene entstehen.

Teils aber gerät die dominante Geräuschkulisse, zu der sich die Soundebenen der verschiedenen Videoarbeiten mischen, jedoch auch zur sinnlichen Belastung, die den Arbeiten nicht unbedingt mehr Präsenz verleiht. Die Lautstärke übersteigerter Geräusche und Stimmen erweckt fast den Eindruck, die einzelnen Arbeiten würden gegeneinander anreden, was natürlich nicht der Fall ist. Das haben sie gar nicht nötig. Die Arbeiten sind alle sehr unterschiedlich, und auf ihre Weise jeweils auch sehr eindringlich oder eindrücklich. Der Gruppe YRD.Works gelingt dies etwa mit Eins zu Eins (One-to-One) (2017) durch physisches Bewusstmachen der räumlichen Dimensionen des großen Saals im Obergeschoss des FKVs. Die Künstler reproduzierten anhand der abgenommenen Raummaße die einzelnen Wandstücke aus grünlich schimmerndem Sperrholz und setzten diese neu zu einem begehbaren riesigen Objekt zusammen. Die weiß beschichteten betretbaren Flächen der Skulptur tragen gräuliche Fußspuren.

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YRD.Works: Eins zu Eins, 2017

Welchen Überblick aber hat man von dieser Plattform aus? Sieht man nun die Dinge, die man – vielleicht – haben möchte, klarer? Oder lädt die Ausstellung eher dazu ein, die Medien, deren Inszenierungen Objekte in unserem Alltag erst begehrenswert erscheinen lassen, und die Materialien, die dafür sorgen, dass wir etwas gerne „haben möchten“, einmal aus einer anderen Perspektive zu sehen? Die Ausstellung Frankfurter Kunstverein wirkt bei längerem Hinsehen und Hindurchgehen fragil, zeichnerisch, geschwungene Linien, bewegte Konturen und improvisierte Gerüste gliedern die Räume und gehen eine Verbindung mit der vorhandenen Architektur, den Fenstern, Treppenläufen und Bodenflächen ein. Tatsächlich wirkt dies nicht etwa zaghaft, sondern wie ein flüchtiger, aber zugleich doch überlegter und bestimmter Entwurf für eine Umgebung, die den Körper des Betrachters umfängt, ohne ihn einzuengen, und somit seine Bewegungen als etwas bewusst macht, das stets als Reaktion auf ein aktiv noch weiter zu gestaltendes Umfeld zu denken ist.

16. March 2017 by ellen
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